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Montag, 2. Dezember 2013

In Kiew gehen die Proteste gegen Janukowitschs Wendung nach Osten weiter. Tausende Demonstranten blockieren das Regierungsviertel, legen den Verkehr lahm. Doch anders als gestern scheint es, als hätte die Staatsgewalt kapituliert.

Proteste gegen JanukowitschNoch ist die Ukraine nicht gestorben

 ·  In Kiew gehen die Proteste gegen Janukowitschs Wendung nach Osten weiter. Tausende Demonstranten blockieren das Regierungsviertel, legen den Verkehr lahm. Doch anders als gestern scheint es, als hätte die Staatsgewalt kapituliert.
© YULIA SERDYUKOVAVergrößernDemonstration im Schneeregen
Kiew, Flughafen Borispol, Grenzkontrolle. Gestern hat die Stadt gekocht – die größte Demonstration seit Menschengedenken ist über ihre Straßen gezogen, in der engen Bankowa-Straße unmittelbar am Präsidentenpalast hat es Gewalt gegeben, sogar schlimme Gewalt, aber auf den großen Plätzen und Magistralen, am Boulevard Chreschtschatik, einem monumentalen Denkmal des Hochstalinistischen Rokoko und vor allem auf dem „Maidan“, dem Unabhängigkeitsplatz im innersten Zentrum der Stadt, wo die allergrößte Mehrzahl der Demonstranten stand, war es bis zuletzt friedlich. Auch am Montag, am Tag danach, ist die Stimmung entspannt. Der Grenzer in seinem Kontrolleursverschlag lächelt, sobald er den Presseausweis im Pass sieht. „Journalist? Zum Maidan?“ – „Ja.“ – „Na dann, viel Glück“.
Der Chreschtschatik ist verbarrikadiert. An der Kreuzung Chmelnitzki-Straße, einem der wichtigsten Verkehrsknoten der Stadt, haben sie ein Dutzend Autos quergestellt, und später an der Einmündung zum Maidan noch einmal ein paar offenbar von der Polizei erbeutete Sperrgitter. Schon am frühen Mittag vor der Tribüne vielleicht zehntausend Menschen, und immer mehr ziehen den gesperrten Boulevard herauf. Junge Leute, Studentinnen mit Plastikblumenkränzen im Haar, oft in die blaue Europafahne gehüllt oder in die blaugelbe Flagge der Ukraine. Sie singen die Nationalhymne „Noch ist die Ukraine nicht gestorben“, aber sie singen so fröhlich, dass man fast geneigt sein möchte, über die schreckliche Traurigkeit dieser Worte hinwegzusehen.

Die Lawine rollt

Das Kiewer Rathaus, ein beängstigender Monumentalbau aus den schlimmsten Zeiten des Stalinismus, ist in der Hand der Demonstranten. Vor dem Eingang drängen sich Trauben von Aufständischen, aber das „Komitee des nationalen Widerstands“, das dieser Tage entstanden ist, hat Ordner aufgestellt. An den Eingang hat jemand die Worte „Stab der Revolution“ gesprüht. Jeder wird eingelassen, denn dieses Haus gehört ja jetzt „dem Volk“. Aber Betrunkene, Schlägertypen und wer immer sonst dem friedlichen Ablauf der Erhebung gefährlich werden könnte, wird abgefangen.
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Für Live-Musik ist gesorgt© YULIA SERDYUKOVAVergrößernFür Live-Musik ist gesorgt
Vor dem besetzten Rathaus halten junge Leute ein Transparent mit der Aufschrift „EUKRAINE“ in den Schneeregen. Die Abkehr Präsident Viktor Janukowitschs vom Kurs der europäischen Integration, seine Weigerung, beim europäischen Gipfel in Vilnius am vergangenen Freitag ein schon fertig ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen, hatte die Lawine ins Rollen gebracht. Vorher schon hatte es eine kleinere Dauerdemonstration in Kiew gegeben, aber am Abend als Janukowitsch unverrichteter Dinge aus Vilnius zurückkehrte, geriet die Lage außer Kontrolle.

„Sie schlagen Kinder“

Bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gegen vier Uhr am Samstagmorgen wurden 35 oft sehr junge Leute verletzt. Der Ruf „Sie schlagen Kinder“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer, unter anderem über das neu gegründete unabhängige Internetfernsehen Hromadske.tv (was soviel wie „öffentliches Fernsehen“ heißt). Tags darauf, am Sonntag, erlebte Kiew dann eine Eruption von Bürgerprotest, der selbst die intensivsten Tage der „Revolution in Orange“ (als der Kleptokrat Janukowitsch schon einmal vorübergehend von der Macht verdrängt wurde) weit in den Schatten stellte. Heute spricht man beim „Komitee des Nationalen Widerstands“ von 800000 Teilnehmern, einer geradezu halluzinatorischen Zahl, wenn sie wahr wäre. Beim Komitee heißt man habe Fotos, die sie belegen könnten.
Am Montag ist nach dem begrenzten Gewaltausbruch vom Sonntag buchstäblich kein einziger Polizist im Zentrum von Kiew zu sehen. Die Miliz ist wie vom Erdboden verschluckt, als hätte sie kapituliert, als sei der große städtische Raum zwischen Chreschtschatik und Maidan eine Art staatsfreie Zone. Nur die Ordner der Revolution, kenntlich gemacht durch Armbinden oder Aufkleber an ihren Jacken, sorgen für Ordnung – freundlich, aber durchaus bestimmt.
Der Gewaltausbruch am Sonntag vor dem Präsidentenpalast lässt sich mittlerweile gut rekonstruieren. Ein Kamerateam dieser Zeitung hat Bilder mitgebracht, aus denen hervorgeht, dass die Gewalt in der engen Bankowa-Straße, der Zufahrt zum Amtssitz Janukowitschs, nicht von der Polizei ausging. Maskierte Demonstranten sind zu sehen, die kiloschwere, scharfkantige Betonpflastersteine auf die Polizeikordons werfen, mit Knüppeln auf die reglos dastehenden Polizisten einschlagen, die, hinter Blechschilden barrikadiert, offenbar ratlos auf Befehle warten. Augenzeugen berichten, erst nach Minutenlangem Bombardement sei die Polizei zum Gegenangriff übergegangen – dann allerdings mit wahlloser Gewalt, umgeben von Tränengaswolken. Wer nicht schnell genug rannte, wurde blutig geschlagen, und ein Fotograf dieser Zeitung wurde von einer Schreckgranate leicht verletzt.

Die Logik der Ereignisse

Trotz dieser lokalen Explosion ist der überwältigende Teil der Großdemonstration am Sonntag und danach auch ihre viel kleinere Fortsetzung am Montag friedlich geblieben. Die Behörden schreiben die Angriffe auf die Polizei in der „Bankowa“ einer radikalen Organisation namens „Bratstwo“ (Bruderschaft) zu, unter Demonstranten gilt es nicht als ausgeschlossen, dass diese Zuschreibung richtig sein könnte. Es wird hinzugefügt, die „Bratstwo“ sei ein zwielichtiger Verein, dem zuzutrauen sei, dass er im Auftrag des Regimes gezielt Provokationen suche. Die Logik der Ereignisse unterstützt diese Vermutung allerdings nur zum Teil. Für die These von einer gezielten Provokation des Regimes spräche zum Beispiel, dass die maskierten Angreifer unmittelbar vor dem Präsidentenpalast plötzlich mit einem Bagger auf die Polizei zufuhren. (Wie kriegt man an einen so stark gesicherten Ort ohne Hilfe von oben einen Bagger?) Gegen die These der gezielten Provokation ließe sich einwenden, dass die Prügelei in der Bankowa ein absoluter Einzelfall blieb. Hätte das Regime tatsächlich bewusst Feuer legen wollen, wäre es systematischer vorgegangen. Am Montag hält bleibt die Staatsgewalt unsichtbar. Am gesperrten Chreschtschatik herrscht gelöste Feiertagsstimmung. Aus Lautsprechern tönt das Lied an die Freude.
Im eroberten Rathaus genießen die Kiewer den neu erworbenen Besitz ihres „Gor-Sowjet“, wie es der Sitz des Stadtrats auf Russisch heißt. Im himmelhohen Festsaal mit seinem hochstrebenden Säulen haben sie eine provisorische Stadtverwaltung eingerichtet. Die Opposition ist ohnehin der Ansicht, Kiew mit seiner soliden proeuropäischen Mehrheit habe seit Sommer keine legitime Führung, weil das Parlament die Wahl des Bürgermeisters, die eigentlich für dieses Jahr vorgesehen war, auf 2015 verschoben hat. Jetzt sitzt also die provisorische Stadtverwaltung in einem überfüllten Saal, Menschen laufen herein und wieder hinaus, in den Ecken liegen schlafend und ungewaschen Demonstranten, die die letzte Nacht auf den Straßen verbracht haben, Megaphone stehen auf dem Tisch, Fahnen und Transparente überall. Ein junger Mann, der sich als Olexander vorstellt, erklärt, die Revolution habe provisorische Ausschüsse gebildet, um „die Rechte des Volkes wahrzunehmen“. Den bisherigen Bürgermeister Alexander Popow, einen Mann des Präsidenten, betrachte man nicht mehr als den Repräsentanten der Stadt. „Seine Rechte sind erloschen“, bis zur nächsten Wahl würden die provisorischen Ausschüsse die Angelegenheiten Kiews regeln. „Und das alles,“ betont Olexander, „ist völlig legal“.
Der Maidan, das Herz der Stadt, liegt ein paar Schritte weiter. Eine Tribüne ist aufgebaut, die Arbeiten am Christbaum, der jetzt hier eigentlich stehen sollte, sind jäh unterbrochen worden. Der Baum war gewissermaßen der Auslöser der Revolution geworden. Als in der Nacht zum Samstag die Polizei erfolglos und gewaltsam versuchte, den Maidan zu räumen, und dabei jene „Kinder geschlagen“ wurden, die welche die Menschen so empörten, hatte der Vorwand gelautet, die Opposition behindere die Ausschmückung des Christbaums. Der Vorwurf ist wohl nicht unberechtigt gewesen. Tatsächlich steht der Baum – oder genauer: ein rohes Stangengerüst, das später als Baum verkleidet werden sollte – bis heute unvollendet auf dem Marktplatz. Statt Christbaumkugeln schmücken es Fahnen und Transparente, die Spitze fehlt.

Eine Kantine wird zur Hauptfutterstelle

Von der anderen Seite des Platzes blinkt ein gewaltiger Bildschirm. Er hängt an der Fassade des Gewerkschaftshauses, welches der vielleicht bemerkenswerteste Bau der spätsowjetischen Breschnjew-Moderne im Herzen Kiews ist. Auch dieses Gebäude ist in der Hand der Revolution, was aus zwei Gründen nicht unbedeutend ist. Erstens steht damit der alles beherrschende Bildschirm der Opposition zur Verfügung, zweitens die Kantine, auch sie ein Schmuckstück für Nostalgiker der späten Sowjetunion, wo es von Schaschlik über Gurken bis zu Borschtsch alles gibt, was die ukrainischen Mägen freut. Die Kantine ist jetzt zur Hauptfutterstelle dieser Revolte geworden. Im dichten Geruch von Suppe, Gurken uns Speck schmieren Dutzende von schwitzenden Frauen, junge wie alte, Wurstbrote, kochen Tee, schneiden Gemüse.
Im Obergeschoss der Sitz des „Kommittees für Nationalen Widerstand“, der Revolutionsführung. Die Führer der drei wichtigsten Oppositonsparteien gehören ihm an, der Boxweltmeister Vitali Klitschko von „Udar“, Arsenij Jazenjuk von „Batkiwschtschina“, der Partei der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko, sowie Oleh Tjahnibok von der kleinen nationalistischen „Swoboda“. Fünf Vertreter gesellschaftlicher Organisationen ergänzen die Gruppe. Welche Ziele sie haben? Im revolutionären Gewusel des Gewerkschaftshauses ist zuletzt ein Sprecher auffindbar gewesen. Man fordere, sagt er, den Rücktritt der Regierung, eine vorgezogene Parlamentswahl und einen Amtsverzicht Janukowitschs. Ohne das erreicht zu haben, so fügt er hinzu, werde man nicht gehen, und wenn die Besetzung des Kiewer Zentrums Wochen oder Monate dauern sollte. Hinter ihm laufen Frauen mit Kleidersäcken die Treppe hinunter. Unten sind die Magazine der Revolution: ganze Zimmer voll mit gespendeten Pullovern, Hosen, Wollsocken, Anoraks und Mänteln – Revolutionsbedarf für kalte Nächte. Wenn es nach der Wäsche geht, kann diese Revolution nur gelingen.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Die Szenen in Kiew erinnern an die orangene Revolution 2004: Hunderttausende gehen gegen die Regierung Janukowitsch auf die Straße, viele werden verletzt. Trotzdem feiert die Opposition einen Erfolg, den so kaum jemand erwartet hätte.

Proteste in der UkraineDie Luft riecht nach Revolution

 ·  Die Szenen in Kiew erinnern an die orangene Revolution 2004: Hunderttausende gehen gegen die Regierung Janukowitsch auf die Straße, viele werden verletzt. Trotzdem feiert die Opposition einen Erfolg, den so kaum jemand erwartet hätte.
© AFPVergrößernEskalierende Gewalt: In dieser Vehemenz hatte wohl kaum jemand mit den Protesten gegen Präsident Janukowitsch gerechnet - auch nicht die Opposition selbst
„Dies ist keine Demonstration mehr, dies ist eine Revolution.“ Möglicherweise sind diese Worte des früheren Innenministers Jurij Luzenko, eines der populärsten Oppositionspolitiker in der Ukraine, das Motto des Tages gewesen. Am elften Tag nach der Abwendung des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch von Europa hat die Opposition so viele Menschen auf die Straßen Kiews rufen können wie seit der „Revolution in Orange“ nicht mehr. Der „Majdan“, der Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der Hauptstadt, konnte die Menschenmenge kaum fassen, der sechsspurige Boulevard Chreschtschatik war voll wie eine U-Bahn zur Stoßzeit.
Anders als bei der Revolution von 2004, die den heutigen Präsidenten (und damaligen Ministerpräsidenten) seinerzeit vorübergehend von der Macht verdrängen konnte, ist die neue ukrainische Revolte allerdings von Anfang an von Gewalt überschattet gewesen. Die zentrale Versammlung am „Majdan“ blieb zwar bis in den frühen Abend friedlich, aber in der abseits gelegenen Bankowa-Straße, wo der Palast des Präsidenten liegt, kam es zur Eskalation der Gewalt. Demonstranten warfen Steine und ließen sogar einen Bagger gegen die Polizeikordons fahren, die Polizei antwortete mit Tränengas und ließ die relativ enge Straße räumen.

Mehr als 150 Menschen verletzt

Manche Demonstranten versuchten offenbar Kordons zu bilden, um den Frieden zu bewahren, aber dennoch wurden auf Seiten von Polizei und Demonstranten insgesamt offenbar mehr als 150 Menschen verletzt. Teilnehmer der Demonstration sagten dieser Zeitung am Telefon, sie seien überzeugt, dass die aggressivsten Demonstranten Provokateure des Regimes gewesen seien. Der Boxweltmeister und Oppositionsführer Vitali Klitschko rief in die Menge, nun komme es darauf an, Provokationen nicht zuzulassen.
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Die Demonstranten forderten den Rücktritt der Regierung Janukowitsch und einen EU-Kurs ihres Landes© AFPVergrößernDie Demonstranten forderten den Rücktritt der Regierung Janukowitsch und einen EU-Kurs ihres Landes
Die enorme Mobilisierung nach Janukowitschs Abwendung von seiner bisherigen europäischen Integrationspolitik kommt überraschend. Kiews oppositionelle Milieus von Intellektuellen, Studenten und Mittelstand hatten als tief demoralisiert gegolten, seit die „Revolution in Orange“, für die sie 2004 zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen waren, am inneren Streit ihrer Führer kläglich gescheitert war. Jetzt hat das Thema „Europa“ sie unerwartet elektrisiert. Die Mobilisierung ist da und mit ihr die Erinnerung an 2004 – den Sturz des damaligen Oligarchenregimes und danach für ein paar Jahre Demokratie, freie Wahlen, Pluralität.

Wie geht die neue Bewegung mit ihrer Kraft um?

Es wird nun entscheidend sein, wie die neue Bewegung mit dieser plötzlichen Kraftentfaltung und zugleich mit der drohenden Gewalteskalation umgehen wird. Am Sonntag waren nach Informationen aus Kiew zwei zwar kooperierende, aber deutlich unterscheidbare Zentren zu erkennen – ein parlamentarisches und ein außerparlamentarisches. Zur ersten Strömung gehören die Führer der Oppositionsparteien: Klitschko („Udar“), Arsenij Jazenjuk („Batkiwschtschina“, die Partei der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko) sowie Oleh Tjahnibok („Swoboda“, eine kleinere Partei nationalistischer Prägung). Die drei treten stets gemeinsam auf und haben sich angeblich auch schon auf eine Postenaufteilung im Fall eines Sieges geeinigt. Sie haben offenbar vor, die jetzige Demonstrationsbewegung in einen echten Machtkampf hineinzuführen. Am Samstag sollen sie intern vorgetragen haben, ihr Ziel sei ein politischer Wechsel: Rücktritt der Regierung, vorgezogene Parlamentswahl, Absetzungsverfahren gegen Präsident Janukowitsch.
Gegen diesen Ansatz gibt es im „unabhängigen“ Teil der Bewegung, wo man Politikern seit dem Scheitern der Revolution in Orange allgemein misstraut, offensichtlich Bedenken. Repräsentanten dieser Strömung sind nach dem Eindruck westlicher Beobachter der Journalist Mustafa Nayem, der über seine Facebook-Seite die Demonstrationsbewegung vor elf Tagen in Gang gesetzt hatte, sowie die Vereinigung „Tschesno“ (Ehrlich) unter Oleh Rybatschuk, einem früheren Mitarbeiter des kurzzeitigen Revolutionspräsidenten Viktor Juschtschenko. Diese Strömung, die offenbar beträchtliche Mobilisierungsmittel hat, rät davon ab, jetzt schon auf Machtwechsel zu zielen. Es heißt, diese Leute wollten Präsident Janukowitsch zunächst vor allem zwingen, den verlassenen Kurs der Assoziierung mit der EU wieder einzuschlagen.

Eine Gewalt, die Böses ahnen lässt

Welche Strömung sich durchsetzt, wird davon abhängen, ob es gelingen kann, Gewalt zu vermeiden. Bis zum Sonntagabend schien das alles andere als gewiss. Die meisten Demonstranten und Polizisten bewahrten zunächst zwar Ruhe, aber der Gewaltausbruch vor dem Präsidentenpalast, ließ Böses ahnen. Schon in den vergangenen Tagen hatte es geheißen, das Regime ziehe um die Hauptstadt Polizeieinheiten aus dem Donbass und von der Krim zusammen, wo die Bevölkerung mehr an Russland hängt als an Europa. Das Wort vom Ausnahmezustand lag in der Luft.

Donnerstag, 21. November 2013

Wenn aber „die Russen Stress machten“, könne das binnen Monaten zum Staatsbankrott der Ukraine führen. Aus einer anderen Quelle war zu hören, die Ukrainer hätten vorgerechnet, dass in solch einem Fall für Europa Kosten von 40 Milliarden Euro entstehen könnten.


Nach Streit um TimoschenkoKiew stoppt Vorbereitung für EU-Abkommen

 ·  Nach der Niederlage der Unterstützer Julija Timoschenkos im ukrainischen Parlament hat Kiew die Vorbereitungen für das Assoziierungsabkommen mit der EU gestoppt.
© APVergrößernDas ukrainische Parlament in Kiew am Donnerstag
Die Ukraine hat am Donnerstag die Vorbereitungen für ein jahrelang geplantes Assoziierungsabkommen mit der EU gestoppt. Ein entsprechendes Dekret veröffentlichte die Regierung am Donnerstagnachmittag auf ihrer Webseite. Anstelle des Abkommens schlägt Kiew nun die Bildung einer Dreierkommission mit Russland und der EU über Handelsfragen vor.
Zuvor hatte sich das von Präsident Janukowitsch kontrollierte Parlament am Donnerstagvormittag geweigert, gesetzliche Voraussetzungen für die Freilassung der inhaftierten Oppositionsführerin Julija Timoschenko zu schaffen. Nun glauben Eingeweihte aus der Europäischen Union, das Regime wolle vor allem von Europa mehr Geld herausschlagen. Die EU hält die Inhaftierung Timoschenkos für einen Akt politisch gelenkter „selektiver Justiz“ und hat ihre Freilassung zur Bedingung für ein fertig ausgehandeltes Assoziierungs- und Freihandelsabkommen gemacht, das eigentlich Ende der kommenden Woche auf dem EU-Gipfeltreffen in Vilnius unterzeichnet werden soll.

Geld für Timoschenkos Freilassung

Janukowitschs „Partei der Regionen“ vereitelte am Donnerstag die Annahme von sechs Oppositionsanträgen, welche es möglich gemacht hätten, die im Gefängnis erkrankte Timoschenko zur  Behandlung im Ausland aus der Haft zu entlassen, indem sie zusammen mit ihren Verbündeten, den Kommunisten, der Abstimmung fernblieben.
Allerdings wurden andere Reformgesetze verabschiedet, welche die EU ebenfalls gefordert hatte, etwa eine Novelle des Wahlrechts. Bis zum Gipfel in Vilnius bleibt damit nur noch eine Woche, um für Timoschenko eine Lösung zu finden. EU-Mitarbeiter erinnerten daran, dass Janukowitsch durch seinen Sicherheitsberater Andrij Kljujew in der vergangenen Woche versprochen habe, dass das Parlament unverzüglich eine positive Entscheidung fällen werde. Dieses Versprechen sei nicht eingelöst worden.
Mehrere Quellen in Kiew sagten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ukrainische Seite wolle für die Freilassung Timoschenkos offenbar vor allem Geldzusagen erreichen. Kiew argumentiere, Russland werde auf eine Assoziierung mit der EU möglicherweise mit wirtschaftlichen Restriktionen reagieren. Wenn aber „die Russen Stress machten“, könne das binnen Monaten zum Staatsbankrott der Ukraine führen. Aus einer anderen Quelle war zu hören, die Ukrainer hätten vorgerechnet, dass in solch einem Fall für Europa Kosten von 40 Milliarden Euro entstehen könnten.
© ZDF
Ein dritter Gesprächspartner sagte: „Janukowitsch meint jetzt Geld“. Dabei gehe es ihm einerseits um direkte europäische Hilfen, andererseits aber um Fürsprache beim Internationalen Währungsfonds (IWF), der eine schon zugesagte Kreditlinie über 15 Milliarden Dollar im Jahr 2011 eingefroren hat, weil die Ukraine die Bedingungen (Freigabe der überbewerteten Landeswährung, Ende der kostspieligen Gassubventionen für Endabnehmer) nicht erfüllen will.
In der Kiewer Exekutive hieß es hinter vorgehaltener Hand, man müsse innerhalb von drei Monaten mit einem Staatsbankrott der Ukraine rechnen, wenn Russland als wichtigster Handelspartner des Landes verschärfte Grenzkontrollen beschließe, wie im Sommer schon einmal geschehen, oder falls die Finanzströme zwischen russischen und ukrainischen Banken gestört würden. Man habe dem Westen deshalb vorgeschlagen, einen Sonderfonds für Länder zu schaffen, die durch russischen Druck in Not gerieten. Außerdem habe man klar gemacht, dass man schon vor dem Gipfel von Vilnius „klare Signale“ in dieser Richtung benötige, wenn das Assoziierungsabkommen unterzeichnet werden solle.

Dienstag, 19. November 2013

Die Behandlung der erkrankten ukrainischen Oppositionspolitikerin Timoschenko verzögert sich weiter. Das Parlament in Kiew verschob die geplanten Beratungen über das Assoziierungsabkommen mit der EU auf Donnerstag.

EU-ASSOZIIERUNGSABKOMMENUkrainisches Parlament verschiebt Sitzung

Die Behandlung der erkrankten ukrainischen Oppositionspolitikerin Timoschenko verzögert sich weiter. Das Parlament in Kiew verschob die geplanten Beratungen über das Assoziierungsabkommen mit der EU auf Donnerstag.
Das ukrainische Parlament wollte sich auf ein Gesetz zur Behandlung der in Haft erkrankten Oppositionsführerin Timoschenko im Ausland einigen. Die Sitzung wurde verschoben. Quelle: dpa
Das ukrainische Parlament wollte sich auf ein Gesetz zur Behandlung der in Haft erkrankten Oppositionsführerin Timoschenko im Ausland einigen. Die Sitzung wurde verschoben.Quelle: dpa
KiewDas ukrainische Parlament hat seine Beratungen über das geplante Assoziierungsabkommen mit der EU und den weiteren Umgang mit Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko erneut vertagt.
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Statt am Dienstag soll die "Prüfung der Gesetze zur europäischen Integration" nun erst am Donnerstag beginnen, wie Parlamentspräsident Wolodimir Ribak in Kiew mitteilte. Dabei gehe es insbesondere um "die Behandlung von Häftlingen im Ausland". Brüssel reagierte verärgert.
Die Europäische Union hat den Abschluss des Assoziierungsabkommens davon abhängig gemacht, dass der Oppositionspolitikerin Timoschenko die Ausreise zur medizinischen Behandlung im Ausland oder eine andere Form der Haftentlassung ermöglicht wird. Im Gefängnis erkrankte die Politikerin an einem Bandscheibenleiden, das im Berliner Charité-Krankenhaus behandelt werden könnte.
Das Assoziierungsabkommen soll nach bisheriger Planung beim EU-Gipfel der östlichen Partnerschaft Ende November in Vilnius unterzeichnet werden.
Der EU-Sondergesandte Aleksander Kwasniewski hatte die Parlamentsberatungen vergangene Woche in Kiew als "letzte" Gelegenheit für das Abkommen mit der Ukraine bezeichnet, das die Grundlage für mögliche spätere EU-Beitrittsverhandlungen sein soll. Es sieht auch einen Freihandelsvertrag vor.
Die EU versucht damit, das wichtige Transitland für Gaslieferungen an Europa zu binden. Timoschenkos Verurteilung zu sieben Jahren Haft wegen Amtsmissbrauchs wird in Brüssel als politisch motiviert betrachtet.
Die litauische EU-Ratspräsidentschaft warnte, dass ein jetziges Scheitern das Assoziierungsabkommen auf Jahre hinaus verzögern könnte. Präsident Viktor Janukowitsch und die ukrainische Opposition seien "beide dafür verantwortlich", eine Lösung für die Causa Timoschenko zu finden.
Ohne entsprechendes Gesetz werde die EU "definitiv kein Abkommen mit der Ukraine unterzeichnen", sagte Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite der Nachrichtenagentur AFP. Brüssel sei auch bereit, der Ukraine im Umgang mit dem Druck durch "Drittstaaten" zu helfen" und sich für einenKredit des Internationalen Währungsfonds einzusetzen.
Ukraines Nachbarland Russland kritisiert den Kurs der EU scharf. Die Staatengemeinschaft übe "einen ziemlich schamlosen Druck auf die betroffenen Staaten" der östlichen Partnerschaft aus, erklärte Außenminister Sergej Lawrow am Dienstag in Moskau. Russland will verhindern, dass sich die frühere Sowjetrepublik Ukraine der EU zuwendet.

Ukraine "Perlen"

NameAktuellWhg.RenditeRest-
Laufzeit
LiquiditätMoody's
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